Tütensalat

3 Jan 2012 In: Allgemein

Bevor ich das Haus für längere Zeit verlasse, schaue ich vorher noch mal in die Küche. Diesmal war der Kühlschrank nicht leer. Ich hatte noch Eier, Käse und einen Tütensalat im Kühlschrank. Frischprodukte eben. Vor einem Jahr hatte mich in Göttingen einmal ein tansanischer Pfarrer besucht. Beim Supermarkteinkauf konnte er es nicht glauben, dass die Deutschen keine Zeit mehr haben ihren Salat selber zu schneiden und lieber fertig geschnitten in der Tüte kaufen. Anhand des Tütensalats konnte er die Lebensweise der Deutschen interpretieren!

Und selbst in Südeuropa, haben die Spanier trotz Siesta wohl keine Zeit ihr Salat selber zuschneiden. Vielleicht war es der Aufschrei der inneren Unvernunft; vielleicht ein Zeichen meiner Unabhängigkeit gegenüber meiner Eltern, die mir Fertigprodukte während meiner Kindheit vorenthielten oder vielleicht doch nur spitzbürgerliche Bequemlichkeit – ich habe mir diesen Tütensalat irgendwie gekauft. Ihn nur zur Hälfte gegessen und ihn dann an meinen Mitbewohner vor meiner Abreise verschenkt. Aber auch er hatte ihn dann wochenlang vergessen.

Drei Wochen, nach meinem Urlaub, ist er aber immer noch frisch. Ein biologisches Wunder. Ab heute, werde ich ihn weiter im Kühlschrank aufbewahren und mal schauen, ob ich ihn in zu meinem Geburtstag im März noch Essen kann.

 

 

 

Empört euch!

4 Nov 2011 In: Zitate

“Ich wünsche allen, jeden Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank dem Engagement der Vielen – zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit, wenn auch nicht zur schrankenlosen Freiheit des Fuchses im Hühnerstall.”

Stéphane Hessel, Empört euch!

sonneb_klein

Redaktionskollege Christopher Piltz und ich im Gespräch mit dem Satiriker und Parteivorsitzenden “die Partei” Martin Sonneborn. Ein entspanntens und freundliches Gespräch tief in den Mitternachtsstunden. Das Gespräch stelle ich demnächst online.

Revolution per Mausklick

21 Okt 2011 In: Artikel (TagesSatz)

Sie sind ohne Arbeit, aber nicht ohne Hoffnung: Junge Spanier organisieren über das Internet Demonstrationen gegen den herrschenden Finanzkapitalismus. Um sich Gehör zu verschaffen, twittern und bloggen sie – und wollen so eine Alternative zu den großen Medien werden.

Von Khoa Ly

Die Aufruf zur Revolution beginnt mit einem Eintrag auf twitter: “#feliz15o: Weiß du immer noch nicht, wie du mitmachen kannst? Klicke hier! Wir sehen uns auf der Straße!”, wird früh-morgens gepostet. Per Mausklick erreicht die Nachricht die 68.000 Abonnenten der Gruppe “#acampadasol”.

Wer auf hier klickt, gelangt auf eine Internetseite, die über die weltweite Demonstrationsbewegung Occupy Wall Street informiert. Die Bewegung wendet sich gegen das aktuelle Finanzsystem, sie kritisiert die Gier der Spekulanten. Auf der Website fordern die Aktivisten weltweit zu Demonstrationen auf, die Einträge sind in 18 Sprachen verfügbar.

Marta ist Teil dieses Aktivisten-Netzwerks. Die 27-Jährige trägt ein buntkariertes Hemd, pinke Chucks und eine auffällige, beige Brille. Sie hat Journalismus studiert. Um sie herum: Tausende Menschen, die mit Trompeten, Pfeifen und Sprechchören dem Aufruf gefolgt sind und Richtung Plaza de Cibeles, dem Bankplatz in Madrid, laufen.

Marta und ihre fünf jungen Begleiter quetschen sich durch die Menschenmenge. Sie folgen einem Kollegen, der einen mobilen Schreibtisch hinter sich herzieht: Ein Getränkekarren, auf dem eine Plastikbox als Unterlage liegt und auf der zwei Notebooks befestigt sind. Die Notebooks sind an drei Internet-Sticks angeschlossen.

Ihr Arbeitsplatz zieht viele Blicke auf sich. Ein Mitglied aus dem Team hat den heutigen Aufruf über twitter versendet. Marta wirkt ein wenig gestresst und müde. Sie schaut beim Reden andauernd auf ihr Smartphone, mit ihrem linken Zeigefinger streicht sie über das Handydisplay. “Ich lese tweets, Nachrichten auf twitter”, sagt sie.

Die Gruppenmitglieder haben sich vor einem halben Jahr kennengelernt. Sie waren bei der Protestbewegung am 15. Mai dabei, bei der junge Menschen mehrere Tage in Zelten die Puerta del Sol besetzt und gegen die spanische Regierungen protestiert hatten. Diese Empörung ist von Madrid in über 58 spanische Städte übergegangen, dann nach Griechenland, Portugal und weitere Länder.

Madrid und New York sind die Ausgangspunkte der weltweiten Occupy-Bewegung. Marta und ihr Team sendeten sich damals Kurznachrichten über soziale Netzwerke. Seitdem bloggen sie gemeinsam. Alle verfügen über ein Fotohandy mit Internetfunktion. Die beiden Notebooks auf dem Getränkekarren unterstützen sie dabei.

Eine Gruppe von Demonstranten trägt einen Pappsarg, aus dem Geldscheine schauen. Sie knien sich hin und wollen den Kapitalismus sinnbildlich zu Grabe tragen. Die Internet-Blogger beobachten die Szene kurz und knipsen Fotos mit ihrem Handy. Sekunden später sind die Bilder im Netz. Marta und der Großteil ihres Teams arbeiten hauptberuflich als freie Journalisten. Doch Aufträge von Zeitungen erhalten sie kaum. Also bloggen sie zusammen. “Die meisten Spanier glauben nicht mehr den großen Zeitungen. Sie suchen eben nach Alternativen”, sagt Marta und rennt auf eine andere Sitzblockade zu, um sie zu fotografieren. Sie beschreibt die Szene in 140 Zeichen und sendet sie per Kurznachricht über das Internet.

“Wir sind die Alternative zu den Mainstreammedien”, sagt sie. Sie gehören einer Generation an, die mit dem Internet aufgewachsen ist und sich über dieses Medium informiert – und einer Generation, die keine Arbeit mehr findet. 40 Prozent der Spanier unter 35 Jahren sind arbeitslos.

Das Team ist am Bankplatz angekommen. Sie stehen zwischen zwei großen Bankgebäuden und einer immensen Menschenmenge. Die Veranstalter werden am Ende 150.000 Personen auf dem Platz gezählt haben.

“Was ist los, was ist los? Wir haben kein Zuhause mehr!”, wird im Chor gegrölt. “Globale Revolution ist der einzige Weg!”, “Echte Demokratie, jetzt!” oder “Weg mit diesem Regierungssystem!” steht auf den Spruchbändern der Demonstranten. Ein anderer Demonstrationszug kommt auf den Platz. Sie halten ein Transparent in den Händen und fordern: “Wir wollen sie alle!”.

Die Berufsfeuerwehr in der Nähe hängte ein Transparent vor ihrer Halle: “Park Nummer 3: Heute 9 Feuerwehrmänner für 27.500 Einwohner.” Es ist eine Demonstration ohne genauen Fokus – eine Demonstration gegen die Unzufriedenheit.

Marta tippt weiter Nachrichten in ihr Handy ein. Sie beschreibt, was sie gesehen hat: “Plakat des Tages: Auch wir Snobs sind empört!” Ohne die Wörter noch einmal durchzulesen, ist die Nachricht mit Foto schon abgeschickt. Ihren Eindruck lesen jetzt über 68.000 Menschen auf der Welt.

Zu finden auch unter:
http://www.tonic-magazin.de/flamme/revolution-per-mausklick/

und

http://de.streetnewsservice.org/nachrichten/2011/october/feed-301/revolution-mit-einem-klick.aspx

Er gründete die Hilfsorganisation „Cap Anamur“ und rettete 10.000 vietnamesichen Flüchtlingen das Leben. Der TagesSatz traf Rupert Neudeck zum Kaffeeklatsch in seinem Reihenhaus in Troisdorf, wo jeder Einwohner, den Weg zu dem Haus der Familie Neudeck kennt.

Khoa Ly (l.) zusammen im Gespräch mit Rupert Neudeck (r.) in Troisdorf

Khoa Ly (l.) zusammen im Gespräch mit Rupert Neudeck (r.) in Troisdorf

Wie geht es Ihnen, Herr Neudeck?
Wenn es allen Menschen so gut ginge wie mir gerade, bräuchten wir das alles nicht zu machen, was ich mache. (lacht)

Oh, was haben Sie die letzten Tage getan?
Vor einer Woche bin ich aus Ruanda zurückgekommen. Wir gründen geradeeine Berufsschule zur Ausbildung von Bautechnikern, Elektrotechnikern und Solartechnikern. Dann ist meine Tochter mit ihrer Familie aus Simbabwe gekommen, um hier die Ferien zu verbringen. Beide arbeiten in einer Hilfsorganisation. Ja, dann ist meine andere Tochter auch noch hier. Sie fliegt aber morgen von Frankfurt nach Buenos Aires. Sie hat ihren Lebensabschnittspartner in Argentinien. Das sagt man heute doch so, oder? (lacht). Sie ist eine begeisterte Romanistin und hat im Goethe-Institut in Buenos Aires gearbeitet. Dort hat sie ihn auch kennengelernt, und das hält immer noch.

Sie waren mit Heinrich Böll befreundet und arbeiteten mit ihm zusammen. Meinen Sie, dass man heute mehr echte Vorbilder braucht? Menschen wie Heinrich Böll oder Menschen wie Sie?
Erst einmal möchte ich mich nicht mit Heinrich Böll auf die gleiche Stufe stellen. Er war ein großartiger Mensch. Und Heinrich Böll war auch der wichtigste Mann für alles, was wir gemacht haben. Ich habe ihn damals jede Woche getroffen und er hat mir viele Ratschläge gegeben. Ohne ihn wäre das alles nicht möglich gewesen. Was mich besonders ärgert ist, dass die jungen Menschen, denen ich in den Schulen begegne, manchmal gar nicht wissen, wer Heinrich Böll ist. Die wissen leider nur wer Dieter Bohlen ist. Das finde ich ärgerlich. Ich vermisse solche Menschen, die Vorbilder sind und auch so leben. Das ist, was die Welt unbedingt braucht.

Wann haben Sie das letzte Mal geweint? Können Sie sich daran noch erinnern?

Letztes Mal habe ich vor Freude geweint als Mandela aus dem Gefängnis gekommen ist. Endlich! Endlich! Das hat mich unglaublich bewegt. Ich habe vor Freude geweint als die „Cap Anamur“ 1982 in den Hamburger Hafen einlief. Das war im Juli. Die ganze Kaimauer war voll mit hunderten, tausenden Menschen. Ganze Schulklassen waren mit ihren Lehrern da, um diese Vietnamesen zu begrüßen, die sie gar nicht kannten.

Im Sommer 2004 lief die „Cap Anamur“ nicht mit Vietnamesen ein, sondern mit Afrikanern. Da haben Menschen nicht mehr vor Freude geweint.

Ja, das war auch eine andere Situation. Die Vietnamesen waren anerkannte Flüchtlinge nach den Genfer Flüchtlingskonventionen. Das ist sehr wichtig! Denn bei diese gegenwärtig 18 Millionen junge Afrikaner, die auf der Flucht sind, ist es anders. Davon sind drei bis vier Millionen – Gott sei Dank – nicht auf dem Weg nach Europa, nach Südafrika, wo es auch Möglichkeiten gibt. Die deutsche Bevölkerung ist nicht sehr glücklich darüber, weil man natürlich eine gewisse Sorge hat, 18 Millionen Menschen auf einen Schlag aufzunehmen. Das schaffen wir nicht. Diese Sorge teile ich.

Welche Möglichkeiten gibt es, um trotzdem Hilfe für diese Menschen zu leisten?

Wir errichten beispielsweise ein Ausbildungszentrum in der Hafenstadt in Mauretanien. Dort sind 70.000 junge Menschen, die auf ein Holzboot warten, mit dem sie in das gelobte Europa kommen. Doch auf dieser Flucht gehen viele zugrunde. Ich habe dort einen guten Freund, einen jungen nigerianischen Pfarrer. Der weiß, dass die einzige Möglichkeit, diese jungen Menschen zu halten, darin besteht, dass man ihnen eine Ausbildung gibt. Danach können sie mit einem Mikrokredit in ihrem Ländern wie Mali, Guinea-Bissau, Senegal, Nigeria oder Kamerun ein Unternehmen eröffnen.

Das ist für Bewohner afrikanische Länder unglaublich wichtig, da sie finanziell keinen Anschluss an die globalisierte Welt haben. Wir müssen uns deshalb sehr anstrengen, um mit ihnen gemeinsam etwas aufzubauen. Nicht als Besserwisser, sondern als Partner.

Was würde Sie sich ganz persönlich für Ihr Deutschland wünschen?

Mal wieder einen Weltmeistertitel im Fußball. Im Endspiel sollte Deutschland gegen eine afrikanische Mannschaft spielen.

Bei dem dann die afrikanische Mannschaft verlieren wird?

Na, da würde ich auch mit mir reden lassen. Sie dürfen auch gewinnen. (lacht)

Warum?

In Afrika ist Fußball unübertroffen wichtig. Man kann das gar nicht hoch genug einschätzen. Fußball ist in Afrika mehr als nur ein Spiel. Dieser Sport ist etwas schönes, da kann man sich hemmungslos freuen. Das hat nichts mit Moral oder Politik zu tun, sondern mit Freude – mit gemeinschaftlicher Freude. Ich glaube, dass das in Afrika noch viel wichtiger ist. Ruanda hat einen Völkermord hinter sich, einen der Furchtbarsten nach 1945. Fußball ist dort heute ganz wichtig für die Völkerverständigung. Entscheidend ist beim Fußball nur, wer die meisten Toren schießt.

(Neudecks Enkelin Nola bietet ihrem Großvater einen selbstgebackenen Keks an und setzt sich auf seinen Schoß.)

Und was würden Sie sich beispielsweise für die Generation ihrer Enkelin Nola wünschen?

Ich wünsche mir eine Zeit, in der wir keine Erdölkriege mehr haben, sondern fünfzig Prozent der Energie aus der Sonne kommt mit Tendenz nach oben. Wir müssen die Natur und die Weltmeere retten und nicht damit fortfahren die Erde kaputt zu machen. Wenn wir jetzt anfangen die Erde zu schonen, kann Nola Wahlbürgerin dieser Welt sein.

Sind Sie da optimistisch?

Ich bin da ganz optimistisch. Wir sind auf dem richtigen Wege. Ich mache mir da überhaupt keine Sorgen.

Herr Neudeck, ich bedanke mich für das Gespräch.

* MEHR ZUM THEMA:

Rupert Neudeck, 72, gründete vor fast dreißig Jahren die Hilfsorganisation Cap Anamur und rettet mit

dem gleichnamigen Schiff in den 1980er zehntausenden vietnamesischen Flüchtlingen das Leben. Neudeck engagiert sich aktuell als Vorsitzender des internationalen Friedenskorps Grünhelme e.V. für den Wiederaufbau von zerstörter Infrastruktur im Krieg, besonders in Ländern im Nahen Osten und in Afrika.

www.gruenhelme.de
www.cap-anamur.org

Zum Original-Artikel als PDF-Dokument – Interview mit Rupert Neudeck


Wer ist Khoa?

Bild kleinKhoa denkt gerne verzweifelt nach. Widerspricht sich. Denkt noch einmal nach. Wiederholt sich. Quasselt jedem ins Wort. Das ist eben Khoa Ly (23) aus Braunschweig, San Salvador de Jujuy, San Jose, Göttingen und Madrid. Und manchmal auch dazwischen.

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